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Rittersbach im Eltzal


Frontansicht der Georgskirche in Rittersbach

Zwei Meisterwerke in Baden?

Die Georgskirchen in Reichenau-Oberzell und in Rittersbach

Die 1886 errichtete neuromanische Basilika in Rittersbach, Gemeinde Elztal (Neckar-Odenwald-Kreis) besitzt eine reiche Ausstattung, darunter eine Kopie des Bildprogrammes der St. Georgskirche in Reichenau-Oberzell mit den acht monumentalen Wunderszenen aus dem Leben Christi, die dort wenige Jahre zuvor aufgedeckt worden waren. Diese Wandmalereien sind ein interessantes Kapitel in der Rezeptionsgeschichte der Oberzeller Wandmalereien. Der Innenraum von St. Georg in Rittersbach wurde 1969/70 stark purifizierend restauriert.

Schwere Schäden an den Wandmalereien führten im Jahr 2000 zu einer Bestandsanalyse und zur Aufstellung eines Maßnahmenkonzeptes. 2001/2002 konnten die Malereien durch eine Arbeitsgemeinschaft von drei Restauratoren konserviert werden.


Dörthe Jakobs / Ulrike Piper / Günther Dürr / Georg Schmid
Inhalt
Die Meisterfrage
Baugeschichten zu Oberzell und Rittersbach
Original und Kopie
Restaurierungsgeschichte
Restaurierungskonzept
Bestand und Schäden
Die Konservierung und Restaurierung des Malereibestands
Dokumentation
Literatur und Berichte

Quellenangabe und weitere Hinweise

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Die Meisterfrage

Als ich St. Georg in Oberzell betrat, stellte ich freudig überrascht fest, daß in Rittersbach Kreis Mosbach / Baden eine Kirche des gleichen Baustils steht. Das erstaunlichste für mich ist jedoch die Tatsache, daß beide Kirchen die gleichen Wandmalereien besitzen. Ein kunstsachverständiger Kollege, der mich begleitete, hält es für unmöglich. Ich bin überzeugt, die Bilder beider Kirchen vom gleichen Meister stammen. Die Kirche in Rittersbach trägt meines Wissens ebenfalls den Namen St. Georg. Sehr verbunden und dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie meine Vermutung bestätigen würden.

Leider sah sich das Erzbischöfliche Bauamt in Heidelberg gezwungen, diese Anfrage von 1969 dahingehend beantworten zu müssen, dass es sich bei der Rittersbacher Kirche lediglich um eine Kopie nach dem Vorbild von St. Georg auf der Reichenau handele.

Zwei Meisterwerke von gleicher Hand, das wäre doch zu spektakulär gewesen. Auch wenn sich die Kopie nicht an ihrem großen Vorbild messen kann, für die Rezeptionsgeschichte von Oberzell im Zuge der Entdeckung des einzigartigen Wandmalereizyklus ist die Bedeutung der Kirche sicher nicht zu unterschätzen. Wie es zu dieser kuriosen Bau- und Ausstattungsgeschichte kam, davon zeugen umfangreiche Akten und Pläne im Archiv des Erzbischöflichen Bauamtes in Heidelberg sowie im Erzbischöflichen Archiv in Freiburg.

Baugeschichten zu Oberzell und Rittersbach

Nach schriftlicher Überlieferung muss bereits Anfang des 14. Jahrhunderts eine Pfarrkirche in Rittersbach bestanden haben. 1737 erfolgte die Weihe einer mit barocken Stilelementen renovierten Kirche. Bereits dieser Bau war dem Hl. Märtyrer Georg gewidmet. Wenige Jahrzehnte später mehrten sich die Klagen über den Bauzustand und die unzureichende Größe der Kirche. 1772 schlossen sich eine erneute Renovierung des Schiffs und ein Turm neubau an. Ab 1820 wurde um einen erweiterten Neubau gestritten, auch an verschiedenen Planvorschlägen hatte es offenbar nicht gemangelt. Kern der Auseinandersetzung war die Frage der Mitfinanzierung eines Neubaus durch die Filialgemeinden, die sich mit der Tochtergemeinde Muckental gar über eine gerichtliche Klage bis über die Grundsteinlegung hinaus hinzog.

Bild 3: St. Georg in Reichenau-Oberzell von Südwesten. Aufnahme Nachlass - G. Wolf, um 1900. Stadtarchiv KonstanzEine entscheidende Wende in der Phase der Planungsvorbereitung ist offenbar dem Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes in Mosbach, Bauinspektor Ludwig Maier, zu verdanken. Gegenüber einer Planvorlage von 1881 mit Baukosten in Höhe von 72.000 Mark vermochte er einen neuen und vor allem 8.000 Mark billigeren Vorschlag zu unterbreiten, nämlich eine Kopie der um 896 erbauten Georgskirche von Oberzell auf der Reichenau. Dass St. Georg auf der Reichenau zu dieser Zeit in aller Munde war, ist der Entdeckung und Freilegung des bedeutenden Wandmalereizyklus aus dem 10. Jahrhundert zu verdanken, der als hervorragendstes Denkmal der ottonischen Kunst gilt. Am 29. Juni 1879 erstattete der damalige Pfarrer Feederle von Oberzell Bericht über die Entdeckung der Wandmalereien an den Katholischen Oberstiftungsrat. Die vollständige Freilegung der Wandmalereien vollzog sich mit Winterpausen und Gerüstumstellung im Zeitraum von Juni 1879 bis Mai 1881. Nach der Aktenlage im Erzbischöflichen Archiv Freiburg zu urteilen, lag die Arbeit der Freilegung weitgehend in den Händen von Maurermeister Sauter und Pfarrverweser Feederle. Franz Baer, ab1880 erzbischöflicher Bauinspektor, war als Sachverständiger vom Erzbischöflichen Bauamt in Freiburg die Leitung der Arbeiten übertragen worden. Seine Beteiligung an den Freilegungsarbeiten beschränkte sich jedoch nachweislich auf nur wenige Tage im Jahr. Als sein „Gehilfe" tritt ein „Architect Louis Maier" in Erscheinung, der zwischen Mai und Juni 1881 auch mehrfach Hilfe bei der Herstellung von Pausen der Wandbilder leistete.

„Louis Maier" müssen die Kirche und insbesondere die Wandmalereien während seiner Hilfstätigkeit ans Herz gewachsen sein, so dass er in seiner späteren Funktion als Bauinspektor und Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes in Mosbach sich ihrer wieder erinnerte. Jedenfalls fertigte er eigenhändig Planunterlagen mit Maßangaben, u.a.auch einen Längsschnitt der geplanten Kirche, in den er die Bildszenen der Südwand (!) einskizzierte (Abb. 1), wohl weil die Rittersbacher Kirche nicht geostet ist, der Chor also im Westen liegt. Dies wurde später korrigiert, indem man ungeachtet der Ausrichtung der Kirche die Bildszenen wie in Oberzell anordnete.

Am 24. Mai 1886 erfolgte die Grundsteinlegung zum Bau der Rittersbacher Georgskirche. Bereits Ende August 1886 konnte der Dachstuhl aufgeschlagen werden, und im September feierte man das Richtfest.

Abb. 1: Längsschnitt der Kirche in Rittersbach mit einskizzierten Bildszenen der Südwand (!). Skizze von Maier, ohne Datum. Erzbischöfliches Bauamt Heidelberg
Abb. 2: Querschnitt der Kirche in Rittersbach mit Triumphbogenwand und Chor mit Hochaltar. Skizze von Maier, ohne Datum. Erzbischöfliches Bauamt Heidelberg.

Original und Kopie

Ungeachtet der nicht nach Osten ausgerichteten Kirche wird im Folgenden die „herkömmliche" Beschreibung für St. Georg in Rittersbach beibehalten. Nähert man sich den beiden Kirchen von Westen, so fallen auf den ersten Blick mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten ins Auge (Abb. 3, Abb. 4). Nicht nur die auf die jeweiligen regionalen Vorkommen zurückzuführenden Baumaterialien geben den beiden Kirchen ein völlig unterschiedliches Gepräge: Während das Wacken- und Bruchsteinmauerwerk in Oberzell verputzt wurde, beließ man die aus roten Sandsteinquadern errichtete Georgskirche in Rittersbach materialsichtig. Ohne Frage interpretierte man das Äußere in Rittersbach sehr freizügig und suchte offensichtlich auch nach „romanisch" anmutenden Lösungen, wie dies die Turmgestaltung mit den bogenförmigen Schallarkaden und das große Halbbogenfenster über dem Westportal zeigen. Auch viele andere Details in Rittersbach lassen Abweichungen von dem „Vorbild" erkennen und werfen die Frage auf, inwieweit St. Georg in Rittersbach die Baugeschichte von Oberzell reflektiert oder gar „korrigiert".

Die Verkürzung der Rittersbacher Kirche im Osten unter Wegfall der Vierung mit den nördlichen und südlichen Anräumen - hatte sicher mehr praktische Zwecke. Darunter fällt auch der Verzicht auf die Kryptenanlage, der eher mit einer Reduzierung der Baukosten und der liturgisch nicht mehr relevanten Konzeption begründet gewesen mag als mit bauhistorischen Überlegungen. Dem dreischiffigen Langhaus schließt sich in Rittersbach nach Osten folglich unmittelbar der um wenige Stufen erhöhte, rechteckige Chor an (Abb. 5c, 5d). Die ursprünglich symmetrisch ausgeführten Räume nördlich und südlich des Chorraums geben sich als Funktionsräume neuer Konzeption zu erkennen.

Abb. 6b: St. Georg in Rittersbach, Innenraum nach Westen. Aufnahme 2003.An die Stelle der großen Eingangskonche im Westen von St. Georg in Oberzell tritt in Rittersbach ein um 2,40 m nach Westen verlängerter Vorraum, der vom Mittelschiff mit einer doppelten Säulenstellung und drei kleineren Arkadenöffnungen abgetrennt wird (Abb. 6a, Abb. 6b). Dabei muss offen bleiben, ob man die Westapsis, deren Status in der Forschung seinerzeit umstritten war, bereits als späteren Anbau einstufte. Während man also einerseits auf die Oberzeller Westkonche völlig verzichtete, übernahm man andererseits ihre Portalgestaltung. Mit der schlüssigen Ergänzung des darüber liegenden Tympanons folgte die Rittersbacher Konzeption dem Forschungsstand von Friedrich Adler 1870, der sich 1885 auch in Rekonstruktionszeichnungen von Franz Baer zur Oberzeller Vorhalle niederschlug.

Auf eine Vorhalle nach Oberzeller Vorbild wurde in Rittersbach ganz verzichtet, und der über mehrere Stufen erreichbare Westvorraum ist ein Funktionsvorbau eigener Prägung.

Baulich fühlte Maier sich dem Vorbild also keineswegs sklavisch verpflichtet. Entscheidend war, die baulichen Voraussetzungen für die Wandmalerei-Kopien zu schaffen und prägende „Oberzell-Elemente" - sozusagen selektiv - als assoziative Bedeutungsträger zu transportieren. Statt des Variationsreichtums der Oberzeller Säulen mit unterschiedlichen Schwellungen der Säulenschäfte und variierenden Kapitellen vermochte die „Einheitssäule" in Rittersbach durchaus die richtige Assoziation zu wecken. Aus heutiger Sicht interessiert an den Rittersbacher Säulen vor allem die Form der Basen. Sie nämlich geben den in Zeichnungen überlieferten, ursprünglichen Oberzeller Typus wieder, dessen Form 1884 mit Zementgussprofilen gravierend verändert wurde.

Eine „Korrektur" erfuhr zudem die Säulenstellung in Rittersbach. Während in Oberzell auf jeder Seite drei Säulen mit vier Arkadenöffnungen die Mittelschiffwände tragen, schließt sich in Rittersbach nach Osten beidseitig eine weitere Säulenstellung mit Arkadenöffnung an. In dieser Konzeption spiegelt sich die mittlerweile widerlegte These einer nachträglichen Vermauerung der östlichen Arkaden von St.Georg in Oberzell wieder. Die Obergadenfenster übernahm man trotz besseren Wissens in der Form des 18. Jahrhunderts und erhöhte ihre Anzahl um je ein weiteres Fenster nach Osten.

Mit den Kopien der Wandmalereien wurde Fritz Kohlund aus Freiburg bereits 1886 beauftragt, die Ausführung erfolgte zwischen März und Juni 1888 (Abb. 7a u. 7b). Einblicke in die Vorbereitungen gewährt der Schriftwechsel zwischen Maier und Kohlund im Erzbischöflichen Bauamt in Heidelberg sowie Briefe von Kohlund an den Katholischen Oberstiftungsrat in Karlsruhe, heute im Archiv des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg. Am 11. Juni 1887 fragt Kohlund bei Maier an, ob denn die Bilder leicht abgeändert werden dürften „oder mit allen Fehlern copiert resp. ergänzt werden sollen".Abb. 7b: St. Georg in Rittersbach, Südwand von Nordwesten. Aufnahme 2003. In der Sache ging es ihm um eine Korrektur der anatomischen Verhältnisse der Figuren und eine annähernd richtige Perspektive der Architektur, wobei ihm eine „kleine richtige Abänderung" machbar erschien, ohne den Charakter der Bilder zu beeinträchtigen. Maier antwortete am 21. Juni 1887: „Bezüglich der Wandgemälde wünschen wir, daß größere Änderungen gegenüber den Originalen nicht vorgenommen werden". Eine geringfügige Änderung gegenüber dem Original hatte Maier allerdings selber zu verantworten, denn die Maße und das Konzept der Westempore gingen nicht ganz mit den Wandbildern auf. Dass dem Architekten die Grundmaße des Mittelschiffs wichtig waren, zeigt seine Akribie gegenüber den Seitenschiffen, die er einfach um 1,60 m schmaler konzipierte. In der Breite des Mittelschiffs hielt er sich mit 8,40 m an das Vorbild. Die Länge des Mittelschiffes in Rittersbach misst mit 19,60 m gut einen Meter mehr als in Oberzell. Da man allerdings in Analogie zur damaligen Situation in Oberzell eine Westempore plante, auf die Westkonche aber verzichtet hatte, ergaben sich Probleme mit der Aufteilung der Bildszenen. Diese musste man mit einer Verkürzung der Bildszenen kompensieren, sofern man verhindern wollte, dass sich die Empore mit den westlichen Darstellungen überschnitt. Kohlund schaffte dies, indem er bei sechs Bildszenen jeweils einen Teil der Architekturdarstellung am Rand kappte, die Darstellung insgesamt aber weitgehend übernahm. Die Höhenmaße der Bilder sind bis auf 1-2 cm deckungsgleich (228 cm), dagegen variieren die Breitenmaße gegenüber den Vorbildern zwischen 1 und 36 cm auf der Nordwand und zwischen 5 und 40 cm auf der Südwand (vgl. Abb. 8a u. 8b). Einen genauen Plan mit den Maßen schickte er Maier am 21. November 1887.

So kam es 1888 auf der Grundlage der von Baer und Maier angefertigten Pausen von Oberzell zu der Ausführung der Kopien in Rittersbach. Zu den Darstellungen nur kurz. Im Bereich der Nord- und Südwand folgte Kohlund den Vorgaben mit den Wunderszenen aus dem öffentlichen Wirken Christi (Nordwand: Heilung des Besessenen von Gerasa, Heilung des Wassersüchtigen, Beruhigung des Sturms auf dem See Genezareth, Heilung des Blindgeborenen; Südwand: Heilung des Aussätzigen, Auferweckung des Jünglings von Naim, Auferweckung von Jairi Töchterlein, Auferweckung des Lazarus). Gerahmt werden die Bildszenen von Mäandern und reich gestalteten Ornamentfriesen, im Obergaden sind stehenden Apostelfiguren dargestellt, in den Arkadenzwickeln Tondi mit männlichen Büsten, Für die in Oberzell aufgrund der Fensterveränderungen 1787-93 stark zerstörten Apostelfiguren orientierte sich Kohlund an den Pausen von Baer/Maier, die er nach anderen Vorlagen ergänzte und mit Attributen versah. Die Triumphbogenwand gestaltete er nach eigenen Vorstellungen, behielt aber das Gliederungssystem von Oberzell bei. In die Bogenzwickel plazierte er je einen Engel, in den gemalten Arkaden darunter fanden der Hauptpatron der Kirche (St. Georg) und der zweite Patron (St. Veit) ihren Platz. Für den Chor gab es keine Vorgaben, so dass der Künstler hier nach eigenen Ideen /Vorlagen arbeiten konnte. Der Bildszene des Abendmahls linker Hand stellte er rechts das Opfer des Melchisedek gegenüber. Die Bilder im Chor waren ebenso in ein Gesamtkonzept mit Engeln, Mäander, Sockeldekoration etc. eingebunden wie die einfacher dekorierten Seitenschiffe. Kohlund übernahm auch die aufwändige Gestaltung der Kassettendecken im Chor und im Schiff.

Welche Ziele verfolgte Ludwig Maier mit der Rittersbacher Kopie? Schließlich geben sich die Kopien der Bildszenen als eine summarische Wiedergabe der Reichenauer Vorlagen im Stile des 19. Jahrhunderts zu erkennen, ohne dass sie Details oder gar im Ansatz den Stil ihrer Vorbilder aufgreifen (Abb.8a, 8b; 9a u. 9b). Neben seiner persönlichen Begeisterung für die Wandmalereien von Oberzell versuchte Maier dem Katholischen Oberstiftungsrat die Planung 1883 offenbar noch mit anderen Begründungen schmackhaft zu machen. Die Freilegung der Wandmalereien in Oberzell war seinerzeit ohne Frage eine Sensation. Hiermit pries er das Interesse der gesamten Kunstwelt an einer „correcten Nachahmung die ser Kunstrichtung". Außerdem könne die Kopie in Rittersbach eine „Vorstudie zu einer allenfallsigen späteren Restauration der Kirche zu Rei-chenau-Oberzell selbst" abgeben. Was aus heutiger Sicht reichlich vermessen klingt, entsprach durchaus dem damaligen Verständnis von Restaurierung. Schließlich spielte auch der Pfarrer in Oberzell mit dem Gedanken, die Beuroner Malerschule für die Restaurierung von Oberzell einzuschalten. Im Sinne einer „kongenialen Schöpfung" war hier die Übermalung des Wandmalereizyklus von Oberzell angedacht. Ein weiterer Gedanke, der Maier beschäftigte: mit der Kopie käme auch das „Unterland in den Besitz einer Kirche dieses bedeutsamen frühchristlichen Kunstgenres". Dies sollten sich heutige Tourismus-Manager zu Eigen machen und wenigstens einen Bruchteil der Ströme von Oberzell in das „Unterland" umlenken - und wenn die Begeisterung so ausfiele, wie einleitend beschrieben?

Abb. 3: St. Georg in Reichenau-Oberzell von Südwesten. Aufnahme Nachlass G. Wolf, um 1900. Stadtarchiv Konstanz.
Abb. 4: St. Georg in Rittersbach von Südwesten. Aufnahme vor 1970. Erzbischöfliches Bauamt.
Abb. 5a: St. Georg in Reichenau-Oberzell, Innenraum nach Osten mit den Bildtapeten von C. Ph. Schilling, 1890/92. Aufnahme Nachlass G. Wolf. Stadtarchiv Konstanz.
Abb. 5b: St. Georg in Reichenau-Oberzell, Innenraum nach Osten. Aufnahme um 1936. Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart.
Abb. 5c: St. Georg in Rittersbach, Innenraum nach Osten. Aufnahme vor der Renovierung 1969/70. Erzbischöfliches Bauamt Heidelberg.
Abb. 5d: St. Georg in Rittersbach, Innenraum nach Osten. Aufnahme 2003.
Abb. 6a: St. Georg in Rittersbach, Innenraum nach Westen. Aufnahme vor der Renovierung 969/70. Erzbischöfliches Bauamt Heidelberg.
Abb. 6b: St. Georg in Rittersbach, Innenraum nach Westen. Aufnahme 2003.
Abb. 7a: St. Georg in Rittersbach, Nordwand von Südwesten. Aufnahme 2003.
Abb. 7b: St. Georg in Rittersbach, Südwand von Nordwesten. Aufnahme 2003.
Abb. 8a: St. Georg in Reichenau-Oberzell, Nordwand. Die Heilung des Wassersüchtigen.Aufnahme 1988.
Abb. 8b: St. Georg in Rittersbach, Nordwand. Die Heilung des Wassersüchtigen; Kopie von Fritz Kohlund 1888, rechter Bildteil mit Architekturdarstellung gekürzt. Aufnahme 2000.
Abb. 9a: Kopf Christi aus der Bildszene der Heilung des Wassersüchtigen in Reichenau-Oberzell.
Abb. 9b: Kopf Christi aus der Bildszene der Auferweckung des Lazarus in Rittersbach als Vergleichsbeispiel.

Restaurierungsgeschichte

Abb. 8b: St. Georg in Rittersbach, Nordwand. Die Heilung des Wassersüchtigen; KEinschneidende Veränderungen erfuhr die Kirche bei einer „Restaurierung" in den Jahren 1969/70, die auf eine starke Purifizierung des Innenraums zielte. Die Malereien des Chors wurden reduziert, bevor man sie unter einem Anstrich verschwinden ließ. Die Dekorationsmalereien in den Seitenschiffen fielen einer Neuverputzung zum Opfer, die komplett bemalten Decken wurden unter Teilzerstörung von Brettern und Leisten zugunsten einer holzsichtigen Decke verschalt. Die Ausstattung wurde entfernt und bis auf wenige Relikte (z. B. Kreuzwegstationen) zerstört. Auch die gemalte Mosaikimitation im Tympanon, die Maria mit dem Jesuskind darstellte, fiel der Purifizierung zum Opfer. Zudem entfernte man die beiden Bankblöcke und ersetzte sie durch einen geschlossenen Bankblock ohne Mittelgang. Mit diesem, die Geschichte „bereinigenden" Zeitgeschmack wurde ein einheitliches und geschlossenes Raumkonzept des 19. Jahrhunderts weitgehend zerstört.

Die Behandlung der Wandmalereien oblag seinerzeit dem Kunstmaler Valentin Feuerstein. Es wäre jedoch aus heutiger Sicht völlig verkehrt, ihn als Entscheidungsträger für die Zerstörung der Chorausmalung u.a. in die Verantwortung zu nehmen. Dies besorgten seinerzeit die „Sachverständigen" der kirchlichen Behörden sowie Kunsthistoriker und Denkmalpfleger. Feuerstein meldete den Abschluss der Arbeiten an den Wandmalereien am 19. August 1970 an das Erzbischöfliche Bauamt. Die Ausrüstung folgte im September. Einem Schreiben des Bauamtes vom 22. Oktober 1970 entnehmen wir, dass anlässlich einer örtlichen Besichtigung „die von Ihnen restaurierte Malerei [...] dabei den vollen Anklang gefunden" hat. „Bei der Besprechung war auch Herr Dr. Niester vom Staatlichen Amt für Denkmalpflege mit zugegen". Im gleichen Schreiben wird Feuerstein aufgefordert, Gestaltungsvorschläge für den Chor und das neue Chorfenster vorzubringen.

Restaurierungskonzept

Für die Wandmalereien muss gelten, dass die sogenannte „Restaurierung" sich sehr negativ auf den noch überlieferten Malereibestand ausgewirkt hat. Hinzu kamen äußere Einflüsse, die gemeinsam mit der „Restaurierung" zu einem sehr differenzierten Schadensbild geführt hatten. Die ohnehin hoch empfindliche Ausmalung in einer Leimtechnik erfuhr eine unsachgemäße, mechanische Reinigung mit Bürsten o.a., die schraffurartige Rillen auf der Malerei hinterlassen hat und mit einer starken Reduzierung des Malereibestandes einherging. Daneben zeigte sich das gesamte Spektrum von Malschichtschäden - von pudernden Partien bis hin zu schollenartig aufstehenden Malschichten durch Bindemittelüberspannung. Umfangreiche Übermalungen und weitere unsachgemäße Eingriffe haben den Bestand ebenso negativ beeinträchtigt wie Wasserschäden und eine veraltete und falsch gesteuerte Heizung.

Ein besonderes Problem bildet eine in Teilbereichen aufgebrachte Fixierung in unterschiedlicher Konzentration. Nach Analysen handelt es sich um ein Polyamid (vermutlich Calaton / flüssiges Nylon). Diese Fixierung hat zu einer optischen Verdunklung der Malereien geführt und ist nach bisherigen Analyseergebnissen weder lösbar, noch in irgendeiner Form zu reduzieren (Abb. 15 a u. b), Eine erste Voruntersuchung des Malereibestandes fand am 12. April 2000 durch das Referat Restaurierung des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg statt. Hierzu waren exemplarisch zwei Teilbereiche an der Nord- und Südwand eingerüstet. Neben einer fotografischen Bestandsdokumentation erfolgte eine beschreibende Schadensaufnahme mit Schadenskatalog und soweit möglich - eine Analyse der Ursachen. Bereits zu diesem Zeitpunkt konnten an leichter zugänglichen Partien (von der Empore aus) unsachgemäße Reinigungsproben festgestellt werden. Die Voruntersuchung ergab, dass durch die verschiedenen Schadensgenesen und die daraus resultierenden, uneinheitlichen Erhaltungszustände völlig differenzierende Verfahren und Methoden sowohl hinsichtlich der Mörtel- und Malschichtsicherungen als auch für die Oberflächenreinigung zur Abnahme der starken Staubablagerungen und Verrußungen erforderlich waren. Bei der Oberflächenreinigung stellte sich das Problem, dass die 1970 mit Polyamid fixierten Bereiche anders zu behandeln waren als unfixierte Bereiche, wollte man den Bestand nicht „auseinander restaurieren".

Um die komplizierten und aufeinander abzustimmenden Arbeitsschritte in einem Leistungsverzeichnis konkretisieren zu können, wurde im August / September 2000 eine Musterachse zur Restaurierung durchgeführt. Diese Musterachse diente als Maßstab für die Restaurierung, Konzeptionell wurde von einer Sicherung und Erhaltung des Status quo ausgegangen, eine Abnahme der Übermalungen und Fixierungen stand nicht zur Diskussion.

Sämtliche Dokumentationsgrundlagen sind dem Referat Photogrammetrie des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg zu verdanken, das die Plangrundlagen mit Wandabwicklungen im Frühjahr 2001 erstellte und die Voraussetzungen für die weitere, digitale Bearbeitung durch die Restauratoren schuf.

Die Konservierung und Restaurierung der Wandmalereien im Schiff von Rittersbach erfolgte zwischen Dezember 2001 und Mai 2002, nachdem die Reparaturen am Bau durchgeführt waren (Heizung, Kondenswasserrinnen u.a.). Ein entscheidender Gewinn für die Raumwirkung konnte zudem mit der Rückführung der Bänke in zwei Bankblöcke und Mittelgang erzielt werden.

D. Jakobs

Bestand und Schäden

Die Ausmalung der Rittersbacher Kirche von Fritz Kohlund ist in einer Leimtechnik ausgeführt, analytisch konnten Proteine nachgewiesen werden. Die in dieser Technik geschaffene Malerei erweist sich als extrem sensibel gegenüber mechanischer Belastung und Feuchtigkeit. Für das sehr differenzierte Schadensbild konnten verschiedene Ursachen ermittelt werden: Eine starke Verschmutzung und Verrußung der Oberflächen war in erster Linie auf das veraltete Heizsystem zurückzuführen. unmittelbar über den Heizungsschächten war diese Verschmutzung gravierend. Daneben lagen im üblichen Umfang Staubablagerungen, Spinnweben und Ablagerungen anderer Art vor (z. B. Vogelkot).

Abb. 13a,b: Südwand, Wasserschaden während der Schneeschmelze: aufstehende Malschichten und Salzkristallisation. Aufnahmen vor und nach der RestaurierungDurch schadhafte Kondenswasserrinnen an den Obergadenfenstern konnte Wasser austreten und hat umfangreiche Schäden am Malschichtbestand bis in die Arkadenzone verursacht. Neben Wasserläufern mit Verkrustungen traten Verfärbungen, verschleppte Pigmente sowie verwaschene Zonen auf. Altere Wasserschäden im Anschluss an den Deckenbereich waren auf ein undichtes Dach zurückzuführen. Abtauende Schneemassen und starke Schneeverwehungen hatten zudem im Januar 2002 zu erneuten gravierenden Schäden in Teilbereichen des oberen Mäanders geführt (Südwand, Abb. 13a u. b). In diesen Zonen kam es zu einer verstärkten Salzkristallisation, zu Wasserrändern, Flecken und Schimmelbefall sowie zu weißen Ablagerungen auf den Malschichten. Neben vollständigen Malschichtabsprengungen durch die Salzkristallisation kräuselten sich die verbliebenen Malschichten in diesen Bereichen bis zur Unkenntlichkeit auf.

Das differenzierte Schadensbild an den Malschichten hatte verschiedene Ursachen. Durch schwache Bindung und Bindemittelabbau lagen umfangreiche Partien mit kreidenden / pudernden Malschichten bis hin zu Malschichtverlusten vor. In Bereichen mit mehreren, übereinander liegenden, pastosen Malschichten zeigten sich Aufspaltungen der Malschichten sowie ein Abspalten der Schichten voneinander (Abb. 10a). Fehlstellen und Malschichtverluste konnten insbesondere in Bereichen mit erhöhten Bindemittelkonzentrationen festgestellt werden.

Ein von Alterung und Maltechnik gesondert zu betrachtendes Schadensbild ist auf die Folgen des Restaurierungseingriffs 1969/70 zurückzuführen. Zum einen ist hier eine Fixierung mit Polyamid (Calaton, flüssiges Nylon) zu nennen, die nur Teilbereiche der Wandmalereien erfasste, ohne dass ein bestimmtes System erkennbar wäre (Abb. 15a u.15b). Durch den aufgebrachten Überzug wurde die leicht lösliche Leimfarbe des Originalbestandes mit Verschmutzungen irreversibel verbunden und vermischt. Die nur in Teilbereichen aufgebrachte Fixierung führte zu einer optischen Verdunklung der Malereien, was sich in Färb- und Glanzdifferenzen zwischen dem fixierten und dem unfixierten Bestand zeigt. Die großflächigen Übermalungen der vorangegangenen Restaurierung lassen sich auf bestimmte Flächen eingrenzen. Es handelt sich dabei um Teilbereiche der Mäander mit Linien, Rahmungen, Hintergründen der Bildszenen und monochromen Flächen sowie um einzelne Zonen der Arkadenbögen. den Bildfeldern, Figuren, Abttondi und Friesen liegen vorwiegend partielle Retuschen und kleinteiligere Übermalungen vor. Retuschen und Übermalungen der letzten Restaurierung unterscheiden sich im Oberflächenglanz vom Originalbestand. Durch ihren abweichenden Bindemittelgehalt und andere Bindemittelkomponenten hat sich die Farbe gegenüber dem Bestand verändert. Sie erscheinen optisch dunkler.

Relativ unverfälscht erhalten sind die Darstellungen in der Laibung des Triumphbogens mit Bischöfen, Kardinälen, Papst und Taube. Die pastosen und bindemittelreichen Übermalungen haben zudem das bereits beschriebene Schadensbild mit Malschichtablösungen durch Überspannungen entschieden verstärkt.

Flächige Reduzierungen am originalen Malereibestand wurden durch die Reinigung während der Restaurierung 1969/70 verursacht. In verschiedenen Wandzonen wie z.B. am Mäander wurde der Originalbestand durchgebürstet und stellenweise bis auf die Grundierung reduziert (Abb. 14).

Als weiterer Faktor für Schäden an den Malschichten mit einhergehenden Versprödungen konnte die klimatische Situation im Kirchenschiff ermittelt werden. Schmutzfahnen oberhalb der Heizungsschächte und in den Eckbereichen ließen auf Luftverwirbelungen schließen, die auch an Ecken und Kanten der Arkadenbögen konzentriert zu beobachten waren. Das Schadensbild an den empfindlichen Malschichten mit extremen Versprödungen war zudem auf starke Temperaturschwankungen zurückzuführen.

Ein weit verzweigtes Netz von Frühschwundrissen im Deckmörtel (Malereiträger) entstand durch einen zu hohen Bindemittelanteil im Mörtel. Größere Risse, die sich vom Scheitelpunkt der Fenster bis in die Arkadenbögen ziehen, sind statisch bedingt. Im Anschluss an die Balkenlage und Schalbretter der Decke zeigten sich dachförmig aufstehende Mörtelpartien, Abscherungen, Risse und umfangreiche Mörtelergänzungen. Im Umfeld der größeren Risse waren vermehrt Ablösungen des Malereimörtels vom Träger zu beobachten. In Struktur und Zusammensetzung unsachgemäß ausgeführte Mörtelergänzungen der vorangegangenen Restaurierung wie auch von Reparaturphasen (Sockelbereiche) überlagerten den empfindlichen Malereibestand.

Abb. 10a: Südwand, 2. Apostel von Osten, Kopf im Streiflicht, Vorzustand. Aufnahme Januar 2002.
Abb. 10b: Südwand, 2. Apostel von Osten, Kopf im Streiflicht, (Zustand nach der Malschichtfestigung). Aufnahme April 2002.
Abb. 11: Nordwand, Wasserschaden, Malschichtschäden im oberen Mäander. Aufnahme August 2000.
Abb. 12: Nordwand, Wasserschaden, Malschichtschäden und Versinterungsspuren. Aufnahme August 2000.
Abb. 13a: Südwand, Wasserschaden während der Schneeschmelze: aufstehende Malschichten und Salzkristallisation. Aufnahme Januar 2002.
Abb. 13b: Südwand, wie Abb. 13 a nach der Restaurierung. Aufnahme Juni 2002.
Abb. 14: Nordwand, Mäander zwischen den Bildszenen Beruhigung des Sturms auf dem See Genezareth und Heilung des Blindgeborenen: Rissbildungen, Kittungen und Malschichtschäden durch unsachgemäße mechanische Oberflächenreinigung bei der Restaurierung 1969/70. Aufnahme April 2000.
Abb. 15a: Südwand, Auferweckung des Lazarus, Detail mit einem Überzug der Restaurierung von 1969/70 (Calaton) im unteren Teil der Aufnahme, deutlich erkennbar als dunklere Oberfläche. Aufnahme April 2000.
Abb. 15b: Südwand, wie Abb. 15a nach Abnahme der aufliegenden Verschmutzung, deutlich erkennbar die Glanzbildung des Überzugs. Aufnahme April 2000.

Die Konservierung und Restaurierung des Malereibestands

Für den Umfang der zur restaurierenden Malereiflächen (annähernd 580 m2) bot sich die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft mit mehreren Restauratoren an.

Eine kontrollierte Vorgehensweise war für die Oberflächenreinigung erforderlich, da Malschichten variierender Festigkeiten und unterschiedlicher Schadensbilder vorlagen (Abb. 16). In den Bereichen mit Schäden fand vor der Reinigung zwingend eine Vorfestigung der gefährdeten Malschichten statt. Die permanente Kontrolle der unterschiedlichen Erhaltungszustände machte während der gesamten Oberflächenreinigung die Verwendung optischer Hilfsmittel notwendig (Stirnlupe).

Die verschiedenen Schadensgenesen und Erhaltungszustände der Malereien erforderten ein differenziertes Vorgehen. Es kamen verschiedene Trockenreinigungsverfahren in unterschiedlichen Anwendungsmethoden zur Ausführung. Die Verkrustungen durch die Wasserläufer konnten nur partiell reduziert werden.

Eine Zielsetzung bei der Oberflächenreinigung war, das stärkere Hervortreten der optischen Diskrepanzen zwischen Originalbestand und Bereichen mit späteren Überzügen und Überarbeitungen nach der Reinigung zu vermeiden. Um dieses „Auseinanderreinigen" auszuschließen, wurden fixierte Bereiche mit fester Schmutzauflage zuerst qereiniqt. Bereichsweise wurde aufgrund der Verdunklungen und zur Schonung der Substanz eine Minimalreinigung durchgeführt.

Für die Malschichtsicherung kam Polyvinylalkohol und Cellulose in niedrigster Konzentration zur Anwendung. Um Feuchtigkeitsränder zu vermeiden, mussten die betroffenen Bereiche vorab mit einem Alkohol vorgenetzt werden. Das Bindemittel ließ sich anschließend mit feinen Injektionsspritzen unter die aufstehenden Malschichtschollen applizieren. Überschüsse wurden über Japanpapier abgesaugt, gleichzeitig erfolgte das Niederlegen der Malschichten mit einem Hostaphanballen. Der Vorgang musste stellenweise bis zu vier Mal wiederholt werden. In den Problemzonen wurden punktuelle Nachfestigungen an starren Schollen mit einer wässrigen, niedrig konzentrierten Acryldispersion ausgeführt. Auf eine flächige Fixierung kreidender Malschichten wurde verzichtet, da diese Bereiche in der Regel nicht zugänglich sind und nach dem Prinzip „so viel wie nötig und so wenig wie möglich" verfahren wurde.

Die Sicherung der Deckmörtelschichten machte vor der Injektion eines Flüssigkalkmörtels zunächst einen temporären Schutz der umliegenden Malschichtbereiche/Haarrisse mit flüchtigen Bindemitteln notwendig, zum einen, um Feuchtigkeitsränder zu vermeiden, zum anderen, um den Austritt der Suspension zu verhindern. Risse wurden in Abhängigkeit ihrer Größe mit unterschiedlichen Verfahren geschlossen. Hohlstellen, soweit diese eine Substanzgefährdung darstellten, wurden mit abgemagertem, dispergierten Weißkalkhydrat punktuell angebunden. Die Kanülen wurden dabei in bereits bestehende Putzbeschädigungen, Risse und Altkittungsbereichen gesetzt.

Mörtelergänzungen der vorangegangenen Restaurierung wurden weitgehend erhalten. Auch hier ergab sich eine differenzierte Vorgehensweise: Gelöste Mörtelergänzungen ohne Anbindung mussten entfernt und erneuert, optisch herausfallende Altkittungen lediglich reduziert werden. In Bereichen mit Überlappungen der Altkittungen und festem Verbund mit dem Original wurden diese belassen, um Verluste an den Malschichten zu vermeiden. Die salzbelasteten, jüngeren Mörtelschichten im Sockelbereich wurden ausgetauscht, die entsprechenden Bereiche mehrfach entsalzt. Starke Salzbelastung an den Säulen machten Entsalzungsmaßnahmen im unteren Bereich der Schäfte sowie an den Basen erforderlich, die in mehreren Kampagnen mit Kompressen aus Buchenholzcellulose durchgeführt wurden.

Sämtliche Neukittungen sind mit Kalkmörtel verschiedener Kornfraktionierungen in Abstimmung auf die umgebenden Oberflächenstrukturen ausgeführt. Auch hier erforderte das überaus feuchtigkeitsempfindliche Malschichtsystem einen kontinuierlichen Schutz an den Flanken mittels temporärer Bindemittel.

Ein besonderes Problem bildeten die Bereiche mit den neuen Wasserschäden während der Schneeschmelze 2002 (Abb. 13 a u. b). Die auftretenden Salzkristalle mussten bis zur Austrocknung der Flächen regelmäßig entfernt werden. Dabei war eine Reduzierung der zerstörten Malschichten in den betroffenen Bereichen nicht zu vermeiden. Die Reduzierung der Pilzmyzele erfolgte nach der Austrocknung zunächst mechanisch. Vor der weiteren Konservierung musste eine Desinfektion durchgeführt werden. In den Fehlbereichen war aufgrund des Verlusts von originaler Substanz eine umfangreiche malerische Ergänzung notwendig.

Der Umfang der Retusche beschränkte sich ansonsten vorwiegend auf vorgelegte Neukittungen sowie auf das das Integrieren einiger Störzonen und Altretuschen. Die feinteilige Strichretusche wurde mit chemisch reinem Methylcellulosele im als Bindemittel und geeigneten Trockenpigmenten ausgeführt. Im Bereich von Wasserläufern, Malschichtreduzierung und an Übergängen kam eine Pastellretusche zur Anwendung.

Die Sockelbereiche im Schiff, die Säulen und die hellen Sockelflächen der Empore erwiesen sich als bereits überfasst. In den Fehlstellenbereichen dieser Partien kam eine Vollretusche zur Ausführung.

Abb. 16: Südwand, Auferweckung des Lazarus, Detail mit einer Reinigungsprobe. Aufnahme 2000.

Dokumentation

Ein Bestandteil der Anforderungen an die Dokumentation war die Schadenserfassung des angetroffenen Zustands; diese erfolgte anhand eines Fragenkatalogs in schriftlicher Form. Dieses Vorgehen war aufgrund der Handhabung im Team, der Baustellensituation sowie aufgrund des Flächenumfangs sinnvoll.

Als Kartierungsgrundlagen dienten die maßstäblichen Wandabwicklungen, die in digitaler Form vorlagen (LDA, Referat 35, Photogrammetrie, Abb. 17a).

Die Zustands- und Maßnahmendokumentation erfolgte grafisch auf Folien über diesen Plänen. Sämtliche Folien wurden zur Endbearbeitung eingescannt und mittels eines Bildbearbeitungsprogramms in die Pläne eingearbeitet. Hinzu kam die konventionelle Fotodokumentation von ausgewählten Belegstellen mit Schadensaufnahmen im Vor- und Endzustand sowie repräsentativen Ausschnitten im Auf- und Streiflicht.

Der durch seinen maltechnischen Aufbau sensible Bestand bedarf auch in Zukunft kontinuierlicher Kontrollen. Gerade in den Bereichen mit den jüngsten Wasserschäden sind weitere Reaktionen in Form erneuter Salzkristallisationen nicht ausgeschlossen. Da die Malereien zudem stark auf Klimaschwankungen reagieren, ist die Steuerung der Heizung längerfristig anhand von Klimamessungen zu überprüfen, sofern man neu auftretende Schäden in Zukunft vermeiden will. Aus diesen Gründen sind Wartungen in sinnvollen Intervallen zu empfehlen.

Abb. 17a: Nordwand, Wandabwicklung (LDA Photogrammetrie) mit Eintragung der Detailaufnahmen zur Dokumentation.
Abb. 17b: Nordwand mit Kartierung der Maßnahmen (Beispiel Sicherung der Malschichen, Mörtelsicherung und Kittungen).

U. Piper / G. Dürr / G. Schmid

Literatur und Berichte:

Karl Wilhelm Beichert: Die Kirche St. Georg. In: Karl Wilhelm Beichert, Werner Blesch, Rittersbach: Ein Gang durch das Dorf und seine Geschichte. Mit Beiträgen von Manfred Biedert, Erhard Hüsken, Peter Nicola, Wolfgang Rupp und Manfred Wiener, hg. vom historischen Verein Neckarburken e.V., 1993, S. 164-185, Anm. S. 223-225. Dörthe Jakobs: St. Georg in Reichenau-Oberzell. Der Bau und seine Ausstattung . Forschungen und Berichte der Bau- und Kunstdenkmalpflege in Baden-Württemberg, Bd. 9. Stuttgart 1999. Franz Xaver Kraus: Die Wandgemälde in der St. Georgskirche auf der Reichenau. Aufgenommen von Franz Baer, Freiburg 1884.

Dörthe Jakobs: Rittersbach, St. Georg, Bericht zur Voruntersuchung, 3. 5. 2000 (MS Archiv LDA, Ref. Restaurierung).

Hans Michael Hangleiter: Rittersbach, St. Georg, Bericht zur Musterachse, September 2000 (MS Archiv LDA, Ref Restaurierung). ARGE Piper, Dürr, Schmid: Rittersbach, St. Georg: Konservierung der Wandmalereien im Mittelschiff, Dezember 2001 bis Mai 2002 (MS Archiv LDA, Ref. Restaurierung).

Dr. Dörthe Jakobs LDA. Restaurierung
Berliner Straße 12
73728 Esslingen am Neckar

Ulrike Piper
Brahmsweg 31
70195 Stuttgart

Günther Dürr
Zähringer Straße 306
79708 Freiburg/Breisgau

Georg Schmid
Kirchgartenstraße 3
71696 Möglingen